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Wildbad, den 11.Mai 1909.
Meine lieben Kinder!
Meine Postkarte vom 6.5. habt Ihr wohl erhalten und daraus ersehen, daß wir hier waren. Wir erhielten dann Euren lieben Brief vom 20.4. N IX über den wir uns herzlich freuten. Gleichzeitig kamen auch von Mama Eure lieben Bilder vom Auszug vom Haus Lutter und ein freundlicher Brief Mamas.
Vater hatte ja dieses Mal die Ausspannung ganz besonders nötig, und so war ich traurig mit ihm, als uns ein Schneegestöber empfing.
Danach sind aber prachtvolle Tage gekommen in denen wir uns freuten an jedem Knöspchen, das auf Baum, Strauch und Rasen aufblühte. Tage des Sonnenscheins, außen und innen, die leicht und froh machten und die wir in vollen Zügen genossen. Gestern aber ging es Vater morgens nicht so gut, und ich habe lieber gleich zum Arzt geschickt, der sich mein Vertrauen gleich erwarb, da er mir nichts vormachte sondern mir bestätigte, was ich sofort fühlte, daß es ein kleiner Schlaganfall war, trotzdem absolut keine Lähmungen sich zeigten, Sprache intakt war und der Kopf klar, nur Schmerzen im Nacken.
Sofort erkennen und danach handeln war gleich mein Trost! Vater ahnte nichts davon. Wissentlich ist auch kein Fehler gemacht. Nachmittags vorher den ganzen Nachmittag zu Hause abends leichte Kost, morgens Bad wie alle Tage, Thee und wieder ein Stündchen zu Bette und im Bett ist es dann gekommen. Den Arzt hatte ich sofort, da im Nebenhause gerade seine Sprechstunde war. Er blieb eine Stunde bei mir, gab dann seine Verordnung - Ruhe, nichts weiter und ging zu anderen Patienten. Vater wurde ruhiger und kam in Schlaf. Dann kam der Geheimrat wieder, fand aber den Schlaf nicht gut und fragte ob ich noch einen Arzt nehmen wollte - seinetwegen. Natürlich tat' ich's und als dann nach kurzer Zeit beide Herren kamen, fanden sie den Zustand nicht schön. An Georg hatte ich inzwischen geschrieben nun sollte ich dazuschreiben, daß Jemand komme. Bald darauf ist Vater ohne Kampf von uns gegangen ganz leise. Sei fest mein Lening, so wie es unser Vater von seinen Mädeln gern hatte. Viel Elend sahen wir täglich um uns - im Nebenzimmer ein Gh. Baurat, der schlägt mit Hand und Fuß - sprechen kann er über-haupt nicht- ein anderer unser Tischvisavis mit lebhaften leuchtenden Augen möchte so gerne, ist aber kaum zu verstehen. Nein, dann besser so: in Lebensfrische und Fröhlichkeit umgeweht wie eine starke Eiche in Orkan. Vater, so wie Schweffel von allen bemitleidet, was hätte er wohl gelitten, dem Arbeit nur Lebensgenuß war? Zusehen und nicht eingreifen können, als abgetan an die Wand gestellt! Nur das nicht!
Denke auch nicht, mein Lening, Du bist nun außen vor, es hat ja keiner Deiner Geschwister dabei sein dürfen, sie haben auch gelacht, gearbeitet oder sonst etwas, wie ihr Vater fortging. Auch sie sahen Ihn nicht mehr, denkt auch nicht, liebe Kinder, daß ich so sehr allein hier war. Ich habe in Stille die letzten paar Stunden, die sie mir meinen Alten ließen - es fing an morgens 10 Uhr und war vorbei 3 - 4, und abends 12 mußte Vater schon zur Friedhofskapelle - noch neben ihm geruht, ich habe alles für ihn selber tun dürfen, ihn umkleiden waschen und so etwas, das ich daheim alles nicht gedurft hätte. Das hat mir geholfen. Auch Liebe habe ich gehabt durch die Wirtin, die - erst 45 - voriges Jahr den Mann begrub und den Sohn ins Irrenhaus brachte. Auch ein Herr aus Hannover (Vetter von Götzes und Avenhold in Kiel) war mir treu zur Seite.
Vaters Wort: "Wir sind nicht besser als andere Menschen" half auch. Zwischen 12 und 1 Uhr nachts ging ich dann still allein hinter meinen Alten her, die Nacht da oben bei ihm zu bleiben, wollte der Arzt absolut nicht, es sei dort zu kalt, da dachte ich, es sei dann wohl nicht in Vaters Sinn und ging wieder runter, Vater mit 2 guten Hütern oben lassend.
Mensch ist Mensch in solchen Augenblicken, als es etwas steil bergan ging, schob sich sachte die Hand des alten Hausknechts unter meinen Mantel und stützte mich. Ich ließ ihn, da es aus Liebe geschah ich hätte es wohl sonst geschafft.
Furchtbar schwer wurde es mir mit meinen Depeschen, die ja dem Brief an Georg voran ankamen, allen lieben Kindern den Dolch ins Herz zu stoßen, aber die Entfernung ist groß, trotzdem alles geklappt hat, können sie nicht vor halb 4 Uhr heute Nachmittag hier sein.
Eben war ich nochmal oben bei Vater, brachte ihm sein schwarzes Käppi. Er liegt so friedlich und vornehm da, wie die Leute es hier machen im schwarzen Gehrockanzug, seine kleinen Orden habe ich ihm angesteckt. Sieh, mein Lening, von allen Schlacken frei, die ja jedem Sterblichen anhängt, war unser Alter eine vornehme Natur, und das steht nur jetzt auf seinem Antlitz. Sieh, und das bleibt bei uns, das wird noch oftmals unser Denken regulieren, davon werden seine Enkel so Gott gebe erben. Das alte muß dahingehen in der Natur und jungen Leben Platz machen. Er dachte zu hoch vom Schöpfer, um ihn anders verstehen zu wollen. Viel Liebe ist von Euch gegangen, aber um Euch herum erwächst Euch Neue in Euren lieben Kindern. Viel habt Ihr auch dem Vater gegeben, Dich, mein Ernst, - (Irmchens Vater) - hat er geliebt und verstanden wie sein eigen Kind, in den nächsten Tagen wollte er Deinen Brief von Weihnacht beantworten - er hatte sie mit hier - er kam damals nicht dazu - Du mußt nun dem guten Willen glauben.
Heute kommen Georg, Johann, Martha und so bringen wir Vatern würdig hin zu seinen vorangegangenen Lieben.
So, lieben Kinder, ich schließe, seid tapfer und habt Euch lieb. Um mich sorgt Euch nicht, ich bin jetzt viel stärker als seit lange, das zeigt Euch hoffentlich mein Brief, ich habe auch noch allerlei auszurichten in Vaters Sinne und wenn ich nun manchmal leise seine Stimme höre: Lene sei vernünftig, dann höre ich schon.
Eure Mutter
In diesen Tagen dachte eine nette augentechnische Erfindung gemacht zu haben, und bat Professor Oloff, mit dem ich mich gut nachbarlich stehe (er hat mein Piano gemietet ( 1000 pro Monat). Er und sie sind sehr lieb zu mir - mich in der Angelegenheit aufzusuchen. Gleich trat er an, sagte mir viel Gutes - aber aufrichtig! - nur, daß die Sache in anderer Form da sei; war platt, daß ich als Laie das ausfindig gemacht und begrübelt hatte. So mußte ich die "Millionenerfindung", an der ich Ihn beteiligen wollte, fahren lassen. Wir haben sehr gelacht. Du siehst, die Alte hat noch Mumm, aber ,,Erfinden" scheint ihr versagt zu sein, ich fahre dann wohl ohne 1 Patent zu hinterlassen in die Grube!-
(Dieser letzte Teil lag als Zettel bei dem Brief, ich weiß nicht, wozu er gehörte.)
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